Bündnis für Ehe und Familie

Inge Seiffge-Krenke: Gut, daß sie anders sind

Von Inge Seiffge-Krenke

Väter haben eine ganz besondere Art, mit Kindern umzugehen. Deren Entwicklung wird dadurch auf einzigartige Weise gefördert. Über den positiven Beitrag von Vätern in Familien kann die Wissenschaft bislang nur wenig sagen. Man ging davon aus, daß Väter funktionieren müßten wie Mütter – und wenn sie dies nicht taten, wurden sie als defizitär betrachtet. Neuerdings setzt sich allerdings die Erkenntnis durch, daß Väter einen besonderen, qualitativ und quantitativ unterschiedlichen Beitrag zur Erziehung und Entwicklung ihrer Kinder leisten.

So machte Michael Siegal in einer umfangreichen Metaanalyse von 39 Beobachtungsstudien die interessante Entdeckung, daß Väter anders mit ihren Kindern umgehen, und zwar schon von den ersten Lebenstagen an.

Während in den Augen der Mütter „alles Kinder“ sind, unterscheiden Väter sehr früh zwischen Söhnen und Töchtern. Die Spielaktivitäten mit den Töchtern sind sanfter, ihre Weiblichkeit wird hervorgehoben. Auch im Bereich der Disziplin unterscheiden Väter deutlich zwischen Töchtern und Söhnen. Die Väter sind strenger und direktiver in ihrem Spiel mit Söhnen und weicher, vorsichtiger und unterstützender im Umgang mit Töchtern.

In einer weiteren Metaanalyse untersuchten Allen Russell und Judith Saebel 287 Studien. Immerhin 40 Prozent dieser Untersuchungen kamen zu dem Ergebnis, daß sich Väter ihren Kindern gegenüber deutlich anders verhalten als Mütter. Danach legen Väter in ihren Spiel- und Freizeitaktivitäten einen starken Akzent auf Motorik und Körper. Sie fördern Selbständigkeit und Individuation und betonen das Geschlecht des Kindes.

Allerdings zeigen Untersuchungen an alleinerziehenden Vätern, daß sich Väter wie Mütter verhalten, wenn sie deren Funktionen komplett übernehmen müssen: Sie sind also ebenso kompetent, und sie eignen sich Fähigkeiten wie Feinfühligkeit und Expressivität an, wenn sie die gleichen Lernmöglichkeiten haben. Die Frage ist also nicht, ob Väter fähig sind, zu agieren wie Mütter, sondern welchen besonderen Beitrag sie für die Entwicklung ihrer Kinder leisten.

Väter gehen schon mit sehr kleinen Kindern qualitativ anders um als Mütter. Während Mütter einen sehr engen Körperkontakt halten und sich pflegerisch mit dem Baby beschäftigen, beobachtete man bei den Vätern viel mehr Imitation, Grimassenschneiden und visuelle und akustische Stimulation. Auch der Körperkontakt ist anders, distanzierter und aufregender. Selbst wenn Väter füttern, tun sie das in einer mehr spielerischen Art und Weise.

Später, wenn die Kinder zwischen fünf und acht Jahre alt sind, unternehmen Väter mit ihren Kindern körperlich mehr und spielen verstärkt mit ihnen, während bei Müttern wiederum mehr pflegerische Handlungen – caregiving – beobachtet werden. Daß Väter im Zusammensein mit ihren Kindern motorische Aktivitäten bevorzugen, ist in vielen Studien belegt. Laufen, Springen, Fußballspielen, Ballwerfen, Schaukeln, Fahrradfahren, Schwimmen und anderes unternehmen Väter mit ihren Söhnen und Töchtern, wobei sie mit ihren Töchtern insgesamt sanfter und vorsichtiger umgehen.

Väter verfolgen mit ihren Söhnen in der Freizeit gemeinsame Interessen, unterrichten sie häufiger in neuen Fertigkeiten, achten mehr auf Disziplin und bringen ihnen angemessenes männliches Rollenverhalten bei. Auch bei Töchtern unterstützen sie geschlechtsrollenspezifisches Verhalten, das heißt, sie reagieren positiv auf weibliches beziehungsweise mädchenhaftes Verhalten und lassen im Kontakt mit ihren Töchtern mehr Nähe und Emotionalität zu als im Umgang mit Söhnen.

Sind die Kinder im Jugendalter, wird besonders deutlich, wie stark Väter durch ihr Anderssein die Entwicklung ihrer Kinder unterstützen. Gerade für die zunehmende emotionale und räumliche Distanzierung und die stärkere Außenorientierung scheint der Vater ein sehr gutes Modell zu sein.
Wie schon in der Kindheit verbringen Jugendliche mit ihren Vätern nur sehr wenig Zeit. Wenn sie mit ihnen zusammen sind, konzentriert sich dies eher auf die spielerischen und Freizeitaktivitäten.

Allerdings sind die körperlichen Kontakte dabei eingeschränkter als in früheren Phasen. Der Vater muß sehr sensibel sein für den sich verändernden Körper des heranwachsenden Kindes. Jugendliche schränken in dieser Reifungsphase den Körperkontakt zum Vater sehr viel massiver ein als den zur Mutter. Auch die Bereitschaft, den Vater in Intimes einzuweihen, läßt deutlich nach. Er, der ohnehin nie der bevorzugte Adressat für Privates war, wird es im Verlauf der Adoleszenz seiner Kinder immer weniger. Allerdings bleibt er für Söhne und Töchter konstanter Ansprechpartner für schulische und berufliche Fragen und gesellschaftspolitische Aspekte.

In unserer deutsch-israelischen Vergleichsstudie mit Shmuel Shulman nahmen Jugendliche verschiedener Altersstufen ihre Väter als diejenigen wahr, die ihnen am stärksten zu verstehen gaben, dass man sich auf sie verlassen könne. Väter trauten ihren Kindern schon rund vier Jahre früher Unabhängigkeit zu, Mütter dagegen nahmen sie im Verlauf der Adoleszenz weiterhin als relativ abhängig von ihnen wahr. Sie sahen Sechzehnjährige als so abhängig an wie Väter Zwölfjährige.
Alles in allem versteht die Mutter den Jugendlichen besser, ist vertraulicher Gesprächspartner, liebevoller, auch körperlich näher, aber das Verhältnis zu ihr ist auch konfliktreicher für Jugendliche, besonders für Töchter. In einer eigenen vierjährigen Längsschnittstudie an 200 Familien mit Jugendlichen fanden wir in Familien mit Töchtern den höchsten Zusammenhalt, aber auch mehr Streit, wobei es vor allem zwischen Müttern und Töchtern häufig zu Konflikten kommt. Der Vater dagegen ist distanzierter, weniger verständnisvoll, kennt den Jugendlichen schlechter, ihm gegenüber zeigt der Jugendliche weniger Intimität, aber er hat auch weniger Konflikte mit ihm.

 Väter spielen also eine wichtige, eine besondere Rolle für die Entwicklung ihrer Kinder. Im Kleinkind- und Schulalter fördern Väter die Entwicklung von Motorik und Spielverhalten, Autonomie und Eigenständigkeit. Im Jugendalter geben Väter ein gutes Modell ab für Getrenntsein trotz Verbundenheit und unterstützen so die Individuation der Heranwachsenden. Eine weitere wichtige Funktion des Vaters bezieht sich auf die Akzentuierung des Geschlechts des Kindes, die sich durch alle Altersstufen hindurch nachweisen läßt. Make room for daddy!, fordern die Wissenschaftler Vicky Phares und Bruce Edward Compas – und man kann ihnen nur zustimmen. Diese Forderung ist auch im psychotherapeutischen Umgang mit Patienten zu unterstreichen, der bislang sehr stark von einem negativen Bild des Vaters von Patienten und Patientinnen geprägt war. Sie haben aber oftmals nicht nur pathologische und krankmachende Erfahrungen mit ihren Vätern gesammelt, sondern auch positive, die Entwicklung stimulierende. Es wäre wünschenswert, wenn diese Funktionen – im Sinne einer Ressourcenförderung – in Beratungen und Psychotherapien stärkere Beachtung fänden.


Inge Seiffge-Krenke ist Professorin für Entwicklungspsychologie an der Universität Mainz und als Psychoanalytikerin in der Ausbildung für Kinder- und Jugendlichentherapeuten aktiv.

Dieser Artikel erschien zuerst in der Fachzeitschrift "Pschologie heute", 3/2004

<small>Literatur
V. Phares, B. E. Compas: The role of fathers in child and adolescent psychopathology: Make room for daddy. Psychological Bulletin 111, 1992
A. Russell, J. Saebel: Mother-son, mother-daughter, father-son, and father-daughter. Are they distinct relationships? Developmental Review, 17, 1997
I. Seiffge-Krenke: Families with daughters, families with sons: Different challenges for family relationships and marital satisfaction? Journal of Youth and Adolescence, 3, 1999
I. Seiffge-Krenke: Väter und Söhne, Väter und Töchter. In: Forum Psychoanalyse, 17, 2001
I. Seiffge-Krenke, M. Hertel, T. Nieder: Kommunikation und Coping von Vätern diabetischer Jugendlicher. Kindheit und Entwicklung, 10/2001
S. Shulman, I. Seiffge-Krenke: Fathers and adolescents. Developmental and clinical perspectives. Routledge, London, New York 1997
M. Siegal: Are sons and daughters treated more differently by fathers than by mothers? Developmental Review 7, 1987 </small>



Aktualisiert am: 11.4.2007 © Bündnis Ehe und Familie Impressum