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Bernd Wannenwetsch: Von Wert und Würde der Familie Von Bernd Wannenwetsch
1. Die neue „Lust auf Familie“ und ihre Hintergründe im Werte-Denken
Es ist schon erstaunlich: Alle sind für die Familie, und doch geht es ihr immer schlechter. Passé sind längst jene kulturkämpferischen Töne aus den späten sechziger Jahren, in denen die Familie grundsätzlich in Frage gestellt wurde und Gegenmodelle sozialen Zusammenlebens propagiert wurden. „Pro familia“ sind heute irgendwie alle. Liest man die Parteiprogramme von schwarz bis grün findet sich an diesem Punkt große Übereinstimmung: Familie ist wertvoll, heißt es überall, sie braucht Unterstützung und eigentlich bräuchte sie auch mehr davon, als sie bislang erhielt. Auch die Forderungskataloge ähneln sich in bemerkenswertem Umfang. Angela Merkels CDU will gar schon einen neuen Trend „Lust auf Familie“ verspürt haben und stellt ihre neuen familienpolitischen Leitlinien werbewirksam unter dieses Motto. Wenn wir uns freilich mit der ja auch christlich gebotenen Nüchternheit fragen, woher diese neue "Lust auf Familie" denn stammt, läßt sich ein Verdacht nicht so leicht unterdrücken, den ich in folgende These gefaßt habe:
These 1: Die neue Betonung des „Wertes“ der Familie in der Gesellschaft ist bisher nicht nur weitgehend folgenlos geblieben. Sie verdankt sich möglicherweise dem gleichen Denken, das die Familien seit Jahren in die soziale Schieflage gebracht hat: einem vorwiegend an Zweck und Nutzen orientierten Denk- und Handlungsmuster, das die Familien zuerst ausgezehrt hat und nun, da das Sozialgefüge der Gesellschaft immer weniger funktioniert, deren „Wert“ wiederentdeckt.
Die neue Wertschätzung der Familie ist wohl weniger durch die bestehende soziale Ungerechtigkeit gegenüber den Familien veranlaßt. Was das Bundesverfassungsgericht vor einigen Jahren ausdrücklich angemahnt hat, ist ein seit langem bestehender und bewußter Prozeß, wonach der Lebensstandard von Familien gegenüber dem der Alleinlebenden seit 1965 kontinuierlich nach unten gegangen ist.
Nein, die neue Wertschätzung der Familie verdankt sich offenbar einem ganz simplen Sachverhalt: Die Rechnung geht nicht mehr auf. Unübersehbar ist mittlerweile geworden, daß bei abnehmender familiärer Lebensweise und Kinderzahl die Subsidiarpflicht des Staates über Gebühr belastet wird, wovon explodierende Kosten im Gesundheitswesen, im Erziehungs- und Sozialfürsorgebereich zeugen.
Wir haben offenbar in der Verfolgung gängiger gesellschaftlicher Leitbilder so lange auf Kosten der Familie gezecht, bis diese Ressource sich immer mehr erschöpft hat. Nun, da die Rechnung nicht mehr aufzugehen droht, entdecken wir ihren „Wert“ wieder. Die Frage für uns evangelische Christen lautet nun freilich: Wollen wir in den Chor der Stimmen einfallen, die in diesem Sinn den Wert der Familie preisen? Ich rate zur Vorsicht.
2. Ein eigenes Ja
Wenn wir als evangelische Kirchei nicht lediglich als Trittbrettfahrer dieses neuen Wertbewußtseins auftreten wollen und die üblichen Forderungskataloge zur „Stärkung der Familie“ nicht einfach mit religiöser Lackierung versehen, wenn wir vielmehr ein eigenes und qualifiziertes Ja zur Familie sprechen wollen, wie könnte dieses aussehen? Ich denke, dazu müssen wir die Quellen unserer Erkenntnis gezielt auf eine Alternative zu jenem funktionalen Wert-Modell befragen. Diese Alternative muß anders begründet sein als durch die ewige Sorge der Konservativen um den Werteverfall und anders begründet als durch die Sorge der Liberalen vor dem Funktionsversagen des Systems.
Nun möchte ich vorschlagen, die Alternative zum Wertemodell mit dem Stichwort von der „Würde“ der Familie ins Auge zu fassen. Ich kann hier an den Vorschlag zum Wort der Synode anknüpfen, wo diese Vorstellung ausdrücklich aufgenommen wurde. Wollen wir erkunden, wie die Würde der Familie theologisch verstanden werden kann, dann können wir freilich nicht einfach einen biblisch-theologischen „Befund“ sicherstellen, von dem aus dann ein Katalog von Forderungen abzuleiten ist, der an alle möglichen Adressaten verschickt wird. Vielmehr kommt es darauf an, neu auf die Quellen unseres Glaubens zu achten und im Lichte eines so gewonnenen Verständnisses von der Würde der Familie dann in den Blick zu fassen, wie und wo diese Eigenwürde in der gesellschaftlichen und kirchlichen Wirklichkeit gefährdet ist und wie ihr andererseits positiv entsprochen werden kann. Ansatzweise möchte ich das im Folgenden versuchen.
Zunächst aber will ich noch deutlicher sagen, welchen Unterschied es macht, ob wir vom Wert oder von der Würde der Familie sprechen.
These 2: Während der „Wert“ der Familie von ihren verschiedenen Leistungen („Angebot“) her bemessen wird und von dem her, wie diese Leistungen in der jeweiligen gesellschaftlichen Situation in Konjunktur stehen („Nachfrage“), bedeutet die Zuschreibung einer Würde die Achtung vor einer Lebensform, die in sich selbst als gut und sinnvoll (an-)erkannt wird und ihre Daseinsberechtigung nicht erst von ihrer Funktionalität her rechtfertigen muß.
Die Unterscheidung von Wert und Würde ist besonders von Immanuel Kant eingeprägtii worden. Dabei geht er vom „Wert“ als einer prinzipiell ökonomischen Kategorie aus. Einen Wert hat, was gerade in Konjunktur steht. „Was einen Preis hat, an dessen Stelle kann auch etwas anderes, als Äquivalent gesetzt werden; was dagegen über allen Preis erhaben ist, mithin kein Äquivalent hat, das hat eine Würde.“ Kurz gesagt: Was einen Wert hat, ist eine Ware, jede Ware hat ihren Preis, und der Preiswert macht jede Ware grundsätzlich austauschbar. Denn der Nutzen, den man sich mit ihr einhandeln möchte, kann ja je nachdem auch anderweitig erreicht werden. Auf die Familie gemünzt, heißt dies dann: Während der Wert der Familie in der Währung ihres Nutzens angegeben wird, in dem also, was sie „bietet“, was sie „bringt" - sei es dem Einzelnen oder der Gesellschaft insgesamt -, ist mit der „Würde“ gemeint, daß es sich hier um eine Lebensform handelt, die gewissermaßen ihren „Wert“ in sich selbst hat: unvergleichlich, konkurrenzlos, unersetzbar. Mit seiner Beschreibung des Wert-Modells hat Kant einen Mechanismus angesprochen, den Karl Marx und Friedrich Engels in ihrer unübertroffenen Analyse der kapitalistischen Gesellschaft weiter konturiert haben.
Sie haben den Blick dafür geschärft, daß die Würde der Familie keineswegs unantastbar ist. Unter der Oberfläche einer in der Gesellschaft gepflegten idyllischen Rhetorik von der „heiligen Familie“iii werden die tatsächlichen Lebensbedingungen dieser Lebensform unterhöhlt, wenn die Logik der modernen Produktionsverhältnisse auch in die Reproduktionsverhältnisse einziehtiv.
Zwar bietet die Familie aufgrund ihrer besonderen durch emotionale Bindungen strukturierten Lebensweise einen gewissen natürlichen Widerhalt gegen die Alleinherrschaft des Nutzendenkens.
Andererseits wird sie durch die gesellschaftlichen und insbesondere die ökonomischen Bedingungen von außen unter Druck gesetzt, wie sich das heute etwa an der familienfeindlichen Forderung nach beruflicher Mobilität ablesen läßt. Zudem zieht sich das Zweck- und Nutzendenken auch in die innere Lebenslogik der Familien hinein. In einer Marktgesellschaft werden die Beziehungen selbst marktförmig: wenn etwa der Kinderwunsch unter dem Aspekt eines Erfüllungswertes an Erfahrung gesehen wird, wenn Kinder gegen ihre Eltern auf Unterhalt klagen, oder wenn die Unterstützung für die alten Eltern von erbrechtlichen Vereinbarungen abhängig gemacht wird, und so fort.
In Klammern sei hier angemerkt, daß der Vorschlag der Erklärung der Landessynodev diesen Zusammenhang der Gestaltung der Familie durch die herrschenden Kräfte (des Marktes und des Nutzendenkens) weitgehend abblendet und statt dessen tapfer, aber doch etwas idyllisch durchgehend davon redet, wie und was die Familie ihrerseits alles „gestaltet“vi. So sehr dieser Aspekt - die eigene Kraft dieser Lebensform - im Sinne ihrer Würde in der Tat Beachtung verdient, so wenig sollte doch andererseits verborgen bleiben, wie sehr die fortschreitende Kapitalorientierung der Marktgesellschaft die Familie zersetzt und wie sie in gewissem Umfang geradezu von der Zersetzung der Familie lebt.
Schließlich geht es ja auch um den Verkauf von Dienstleistungen, welche die Familien sonst abdecken, bis hin zum Verkauf von Ersatzmitteln für die elterliche Präsenz. Und muß eine auf ständigem Wachstum basierende Ökonomie nicht geradezu notwendig daran interessiert sein, eine Heerschar gieriger Konsumenten heranzubilden, die mangelnde familiäre Zuwendung durch exzessiven Konsum kompensieren?
Die Anfrage sei erlaubt: Kann sich die theologische Aufgabe darauf beschränken, die Kräfte der Familie zu loben und zu stärken? Oder müßten nicht auch die „Mächte und Gewalten“ in den Blick kommen, die sie unterhöhlen? Kann es hinreichen, mit allerlei Forderungen nach einer Stärkung der Familie an die Öffentlichkeit zu treten, ohne sich darüber Gedanken zu machen, wie ihre faktische Schwächung mit den Ideologien zusammenhängt, die wir ausleben?
3. Die Würde der Familie als elementare Lebensform
Wenn sich Christen nun nicht mit einem solchen Werte-Modell begnügen können: Wie läßt sich theologisch plausibel machen, daß die Familie eine Lebensform eigener Würde ist, die als solche "gut“, und sich nicht erst durch ihre Leistungen nach innen (Was bieten mir meine Eltern? Was nützen mir meine Kinder?) oder außen (gesellschaftlicher Nutzen) in ihrer Existenz rechtfertigen muß.
These 3: In der Sprache der theologischen Tradition ist die Würde der Familie mit der Vorstellung ausgesagt worden, daß diese Lebensform (wie die Ehe, sowie das politische, wirtschaftliche und religiöse Leben) dem Willen des Schöpfers selbst entstammt und nicht einfach als menschliche Erfindung gelten kann, die dem Gesetz des „gesellschaftlichen Wandels“ folgend auch durch Äquivalente ersetzt werden könnte.
Mit Hilfe welcher Begriffe man diese Vorstellung in der theologischen Tradition auch immer formuliert hat, der theologische Witz liegt jeweils darin, daß die Familie nicht als Menschenwerk, sondern von Gottes eigenem Willen und seinem Wirken her verstanden wird. Während die Sozialtheorien der Neuzeit in der Traditionslinie von Hobbes, Locke oder Rousseau davon ausgehen, daß der Mensch, als Individuum geschaffen, sich selbst die Formen seines Zusammenlebens schafft, bezeugt die Schrift, daß die Schöpfung auch in sozialer Hinsicht kein „Chaos“, sondern ein „Kosmos“ ist: daß Gott also auch die Gemeinschaft der Menschen schafft und ihr bestimmte Formen verleiht, in denen sie gelebt werden kann. Denken wir an die Schöpfungsgeschichte, wo Gott Mann und Frau nicht nur jeweils für sich schafft, sie nicht nur füreinander bestimmt, sondern sie auch einander zuführt (Gen 2, 22), d. h. auch ihre Gemeinschaft stiftet und sie im Nachwuchssegen (Gen 1, 28) auf die Erweiterung zur Familie hin anlegt.
Hier findet sich ein theologisch starker Einwand gegen die Unterwerfung der Familie unter die Konjunktur und „Tyrannei der Werte“vii. Denn als eine dem Schöpferwillen selbst entsprechende Lebensform ist die Familie nicht disponibel, weil sie ist ja nicht dem Urheberrecht des Menschen entstammt.
Wo dieser geschöpfliche Ursprung hingegen bestritten wird, wie das in den Sozialtheorien der Moderne üblich geworden ist, liegt es nur allzu nahe, die Familie aktuell demselben Denken zu unterwerfen, das ja schon bei ihrer vermeintlichen Erfindung durch die Menschen Pate gestanden hat: den sozialen Nützlichkeitserwägungen eben.
Luther hat den theologischen Bezug in der Vorstellung aufgenommen, daß es sich bei den elementaren Lebensformen wie der Familie um „Mitgeschöpfe“ handelt: um soziale Lebensformen, die Gott zusammen mit dem Menschen geschaffen hatviii. Nun ist diese theologische Vorstellung freilich mißverständlich und auch mißbraucht worden, wie etwa zur ideologischen Überhöhung fragwürdiger Institutionen wie der Männerherrschaft oder gar solcher Ideen wie der vom gottgegebenen Recht eines Volkes auf rassische Homogenität etc.
Mit der berechtigten Kritik an solchem Mißbrauch hat freilich das Verstehen dessen nicht Schritt gehalten, was mit der Rede von sozialen Lebensformen als „Mit-Geschöpfen“ in der Tradition überhaupt gemeint ist. Was jedenfalls Luther damit nicht gemeint hat, wie es aber in der neu-lutherischen Traditionsbildung seit dem späten 19. Jahrhundert auf verhängnisvolle Weise akzentuiert wurde, ist, daß es zeitlose Ordnungen gebe, die gewissermaßen über den Menschen schweben, und in welche die Menschen hineingezwängt werden müßten.
Dies würde ja eben voraussetzen, daß die Ordnungen vor und unabhängig von den Menschen existieren und eben nicht „Kon-Kreaturen“, Mit-Geschöpfe des Menschen sind. Die Familie als ein solches Mitgeschöpf oder, wie ich lieber sage, als elementare Lebensformix zu betrachten, besagt auch nicht, daß nun etwa alle Menschen eine Familie gründen müßten, um ein christliches Leben zu führen. Das wäre ja schon angesichts der Ehelosigkeit Jesu und der ganzen klösterlichen Tradition absurd.
Was eine solche Vorstellung verlangt, ist zunächst lediglich die Anerkennung der Tatsache, daß wir uns als geburtliche Lebewesenx, als Kinder unserer Eltern, bereits innerhalb der familiären Lebensform vorfinden, bevor wir uns dann daran machen, diese zu gestalten oder eine eigene Familie zu gründen.
Dies ist keineswegs eine Banalität ohne Folgen. Wollen wir nämlich die Tatsache, daß wir als Kinder unserer Eltern geboren werden, theologisch, d. h. von Gott her, verstehen, bedeutet dies eben, daß wir zusammen mit unserer individuellen Geschöpflichkeit auch die Geschöpflichkeit der Familie erkennen. Dann aber werden wir nicht mehr so leicht auf die Idee kommen, die Familie, auch nicht die, die wir selbst gründen, als unser eigenes Konstrukt anzusehen und dementsprechend über sie verfügen; - als Mitgeschöpf geachtet wird die Familie nicht als Wert behandelt, über den wir disponieren, noch als Laboratorium zum sozialen Experiment herabgewürdigt.
Freilich: Die Familie als eine Lebensform anzusehen, die uns gegeben ist, und in der wir uns vorfinden können, anstatt sie erfinden zu müssen, bedeutet nun keineswegs, sie als überzeitliche Ordnung zu verstehen, in und an der es für uns nichts zu tun gebe. Als Kon-Kreaturen sind diese Sozialformen eher wie der Garten und gehören zu den zeitlichen Gütern der Schöpfung, die den Menschen zu „bebauen und bewahren" aufgetragen ist und mithin zum sogenannten Kulturauftrag.
Der springende Punkt dabei, der immer wieder übersehen wird, ist dieser: Die theologische Tradition, von sozialen Lebensformen im Sinn von „Mitgeschöpfen“ zu reden, birgt mit der grundsätzlichen Bejahung dieser Formen einen ausgesprochen emanzipatorischen Charakter: Erst wenn wir in ihnen nämlich nicht zufällige Ergebnisse der Kulturgeschichte sehen, deren Verlauf uns deren eigene Normativität aufnötigt, wird eine kritische Prüfung dessen möglich, wie wir in ihnen leben. Denn dann läßt sich der jeweilige gesellschaftliche Status quo einer solchen Lebensform wie der Familie immer wieder neu am Willen dessen überprüfen, der sie geschaffen hat. Denken wir etwa daran, wie Jesus die an Nützlichkeitserwägungen orientierte Scheidungspraxis seiner Zeit mit dem Hinweis auf den ursprünglichen Schöpferwillen kritisieren konnte, Mt 19, 7‑9.
These 4: Der kirchlichen Sozialverkündigung ist es aufgegeben, sich an einem substantiellen Begriff der Familie (Mutter, Vater, Kinder) zu orientieren, der den organischen Zusammenhang mit der Ehe nicht aus dem Blick verliert. An einem solchen normativen Familienbegriff sich zu orientieren, schließt freilich gerade ein, daß die Leistungen, die etwa Alleinerziehende erbringen, volle Anerkennung und Unterstützung erfahren.
Mit der Würde der Familie ist die Frage verbunden, ob die Familie als eigene Form, als in sich stimmige Proportion, geachtet oder ob sie wiederum nur funktional bestimmt wird: von einer bestimmten Funktion her, von der dann gesagt werden kann, daß sie in verschiedenen Formen erfüllt werden kann. „Familie lebt in verschiedenen Formen“, heißt es in der Erklärung der Landessynodexi. Das ist offensichtlich von der Absicht getragen, die oft bewundernswerten Leistungen, die in allerlei familienähnlichen Kontexten erbracht werden, nicht abzuwerten.
Die Frage ist freilich, ob wir gut beraten sind, die in der Tat geforderte Anerkennung der Leistungen etwa von Alleinerziehenden um den Preis einer solchen funktionalen Reduzierung des Familienbegriffs zu ermöglichen, wonach Familie überall da ist, wo Kinder erzogen werden, wie es in der Erklärung definitorisch heißt. Würde eine echte Würdigung der Leistungen von Alleinerziehenden nicht eher darin bestehen, anzuerkennen, daß sie diese Leistungen unter defizitären Bedingungen erbringen, wenn eben der Vater oder die Mutter fehlt? Es hilft den Betroffenen nicht, wenn wir diese Differenzen, die doch von ihnen selbst schmerzlich verspürt werden, mit einem substantiell entleerten Familienbegriff einebnen.
So weit haben wir uns mit der Frage beschäftigt: Was ist die Familie in theologischer Perspektive, als was sollen wir sie ansehen, wenn wir gewissermaßen einen Schritt zurücktreten? Und die wesentliche Alternative war: Verstehen wir die Familie als Funktionsgefüge oder als elementare Lebensform? Als Wert oder Würde?
Nun aber wenden wir unseren Blick gewissermaßen nach innen und fragen: Was charakterisiert die Familie in besonderer Weise? Worin ist ihre Würde als elementare Lebensform in ihren konkreten Lebensvollzügen ansichtig?
4. Die Würde der Familie als Tradierungsgemeinschaft
These 5: Nach innen betrachtet läßt sich die besondere Würde der Familie in ihrem Charakter als Tradierungsgemeinschaft erkennen - wo die elementaren Lebens- und Glaubensvollzüge an die nachfolgende Generation weitergereicht und diese in die elementaren Lebensformen eingewiesen werden. Diese Tradierungsaufgabe weist deshalb auf die Würde der Familie zurück, und nicht auf einen „Wert“ (etwa für die Kirche oder die Gesellschaft), weil der Vorgang der Einweisung in die entsprechende Lebensform (zumal des Glaubens) so komplex ist, daß er nicht in einzelne Funktionen zerlegt werden kann. Vielmehr erwachsen die wesentlichen Lernvollzüge gerade aus dem Ineinander der verschiedenen Lebensbezüge in der Familie.
Wenn man soziologisch von der Familie als einer „Mehrzweck“-lnstitution gesprochen hat, so liegt der springende Punkt nicht darin, daß sie eine Mehrzahl von Aufgaben in sich versammelt, die sie dann recht oder schlecht im Einzelnen erfüllt. Das Charakteristische der familiären Gemeinschaft, für das das Griechische ein eigenes Wort für „Liebe" - storge - kenntxii, ist vielmehr die Art, wie diese vielfältigen Aufgaben miteinander wahrgenommen werden und auf spannungsvolle und effektive Weise zusammenwirken.
Da wird nicht auf der einen Seite erzogen und auf der anderen Seite ein Zärtlichkeitsbedürfnis erfüllt; vielmehr macht erst, wie die Erziehung mit Zärtlichkeit durchsetzt ist, das Besondere elterlicher Erziehung aus. Da wird nicht einerseits ein materielles Bedürfnis gestillt und andererseits auch noch ein religiöses. Wenn beim Tischgebet für das Essen gedankt und auch für die Armen gebetet wird, ist gerade die Vernetzung von Versorgungsleistung und religiöser Erziehung das Besondere. Die Reihung ließe sich fortsetzenxiii.
Eben diese Verschränktheit von verschiedenen Lebensvollzügen ist im Stichwort von der Tradierungsgemeinschaft anvisiert. Denn das Weiterreichen von Lebenswissen und das Einweisen in Lebensformen - traditio - ist ein komplexer Vorgang, der nur in der familiären Vernetzung der verschiedenen Aufgaben und Beziehungen geschehen kann. Einzelne Ersatzagenturen können nur jeweils in einzelne Vollzüge einweisen: Lebensformen tradieren können sie nicht. Auf dieses Tradierungsmotiv zielen auch die biblischen Aussagen zur Familie in besonderer Weise. Auch das Gebot, die Eltern zu ehren, ist vor diesem Hintergrund zu verstehen, wie die ihm beigefügte Verheißung deutlich macht: „auf daß du lange lebst und es dir wohl ergehe auf Erden"“
Der Zusammenhang ist klar: Wenn Kinder ihre alten Eltern ehren, werden es ihre eigenen Kinder von ihnen abschauen, und darum wird es den Befolgern des Gebotes selbst gut gehen im Alter. Dieses Traditionsprinzip zielt freilich nicht allein auf die Versorgung. Es impliziert, daß die Eltern ihr Lebenswissen, das, woraus sie selbst leben, an die Kinder weitergeben. Für Israel sind das natürlich insbesondere die Geschichte Gottes, die es zu erzählen gilt, die Weisungen Gottes und die Grundvollzüge des Glaubens, die es weiterzureichen gilt. „Er gab ein Gesetz in Israel und gebot unseren Vätern, es ihre Kinder zu lehren, damit es die Nachkommen lernten, die Kinder, die noch geboren würden; sie sollten aufstehen und es auch ihren Kindern verkündigen, daß sie setzten auf Gott ihre Hoffnung und nicht vergäßen die Taten Gottes, sondern seine Gebote hielten“ (Ps 78, 2-4).
Von der besonderen Würde der Familie als Tradierungsgemeinschaft her wird auch verständlich, warum das Elterngebot in der Reihe der sogenannten Sozialgebote auf der zweiten Tafel des Dekalogs als erstes genannt ist. Warum hat Gott dieses Gebot "obenan gesetzt“ wie Luther im Kleinen Katechismus formuliert?xiv Es steht wohl darum den anderen voran, weil in der Lebensform, die es schützt, der Familie, eben das gelernt wird, was den Menschen ermöglicht, auch die anderen Gebote zu halten: wie das Lebensrecht des Nächsten geachtet wird, wie es zugehen kann, einen Menschen des anderen Geschlechts zu lieben, wie als Bürger zu leben (das Recht des anderen auf guten Leumund und faire Gerichtsverfahren zu achten), das Eigentum des Anderen zu achten, etc.
These 6: In der Perspektive reformatorischer Theologie ist Elternschaft selbst im qualifizierten Sinn als „Beruf“ verstanden worden - als eine Lebensform, die auf den Ruf Gottes antwortet in der Bewährung des Glaubens im alltäglichen Leben. Will die Kirche heute mit dieser Erkenntnis Schritt halten, wird sie in ihrer Sozialverkündigung Mut machen, diesen Beruf auch wirklich auszuüben. So müßte die Frage nach der Präsenz der Eltern in neuer Dringlichkeit gestellt werden und dürfte nicht in der allgemeinen Forderung nach „Vereinbarkeit von Familie und Beruf“ aufgehen.
Für die Reformatoren war die Familie nicht einfach eine stumme Tatsache, in die man sich halt einfinden mußte, sofern man sie nicht besser meiden wollte. Gegen die mittelalterliche Tendenz, das familiäre Leben gegenüber einer höheren „geistlichen“ Berufung etwa zum klösterlichen Leben abzuwerten, hat die reformatorische Theologie darauf gewiesen, daß die vocatio, daß die Berufung Gottes ebensogut innerhalb der Familie gehört und gelebt werden kann.
Für diese Berufung kommen zwei Aspekte zusammen: ein natürlicher (vocatio interna) und einer, der durch das ausdrückliche Wort Gottes hinzukommt (vocatio externa). So läßt sich durchaus die bloße Tatsache, daß einem Paar ein Kind geboren ist, als Berufung zur Elternschaft hören.
Da dies freilich ein Stand ist, der von allerlei Anfechtungen heimgesucht wird, ist es ebenso wichtig, zu dieser „impliziten“ Berufung auch die explizite zu hören: das Wort der Verkündigung, das die Angefochtenen gewiß macht: „Es ist gut und recht, als Eheleute und Eltern zu leben; bei aller Mühe und Last gefällt es doch Gott, dem Herrn". Ihre höchste Würde erlangt diese Berufung, wie Luther in seiner Auslegung zum vierten Gebot im Großen Katechismus sagt, dann darin, daß Eltern sich als „Stellvertreter Christi" bei ihren Kindern verstehen dürfen: indem sie ihnen Herolde des Evangeliums werdenxv.
Wenn es demnach also gute Gründe gibt, theologisch von der Elternschaft als „Beruf“ zu sprechen, müßte sich das nicht entschlossener in der Sozialverkündigung der Kirche niederschlagen, etwa in der klaren Ermutigung, diesen Beruf auch wirklich auszuüben?
Die geläufige Formel von der „Vereinbarkeit von Familie und Beruf“, so richtig sie im Grundsatz ist, sollte dann freilich, wie mir scheint, nicht ohne jede Qualifizierung und Differenzierung übernommen werden, wie dies im Vorschlag der Synodenerklärung der Fall ist.
Denn einerseits schlägt diese Formel den Berufsgedanken ja wieder einseitig auf die Seite der Erwerbsarbeit und verortet die Familie auf der anderen Seite (als was eigentlich: als ehrenamtliche Arbeit, Hobby?). Andererseits läßt sich der Verdacht nicht von der Hand weisen, daß diese Formel doch eher verschleiert, was Eltern und zumeist recht einseitig den Frauen als Dreifach-Belastung zugemutet wird, wenn sie nun gewissermaßen zwei Berufe gleichzeitig ausüben und (als dritte Belastung) diese auch noch „vereinbaren“ müssen, sofern sie zu einem selbständigen Rentenanspruch kommen wollen.
Und drittens wird die Formel in ihrer generellen Lesart auch den Kindern nicht gerecht, sofern sie den ökonomischen oder ideologischen Druck widerspiegelt, der nicht selten beide Elternteile zu gleichzeitiger außerhäuslicher Erwerbsarbeit zwingt und den Kindern die elterliche Präsenz entzieht. So kann die Formel von der „Vereinbarkeit“, wenn man sie nicht zumindest lebensphasenspezifisch differenziert, also eher eine Beschönigung für die doppelte Ausbeutung der Familien sein.
Sollte die Kirche gegenüber solchen Verschleierungen der „political correctness" nicht vielmehr den Mut aufbringen, entschlossen den Erziehungsauftrag in den Vordergrund zu stellen? Sollte sie nicht Eltern ermuntern, zumindest in den ersten Lebensjahren der Kinder für kontinuierliche Präsenz jeweils eines Elternteils zu sorgen? Sollte sie Eltern nicht dazu ermuntern, in der eigenen Lebens- und Karriereplanung dem Beruf der Elternschaft zumindest zeitweilig Priorität einzuräumen?
Müßte im Sinn der Würde der Familie nicht anstelle der allgemeinen Forderung von „Vereinbarung von Familie und Beruf“ dafür gesorgt werden, den Eltern eine selbständige Entscheidung über die Verteilung und Gewichtung der jeweiligen Berufe in Familie und Büro zu ermöglichen, wie immer das dann zwischen den Partnern ausfällt? Hier sind die Forderungen an Staat, Gesellschaft und Kirche als Arbeitgeber, die Ausübung des Elternberufs nicht zu bestrafen wie bisher, sondern gesetzliche Leistungen und gesellschaftliche Anerkennung für Väter und Mütter auszubauen, sicherlich wichtig.
Allerdings darf dabei ein Sachverhalt nicht unterschätzt werden, der wiederum mit dem Charakter der Familie als Tradierungsgemeinschaft zusammenhängt. Die Ermutigungen, sich dem familiären Leben und der Kindererziehung als einer Sache eigener Würde zu widmen, dürften wohl nicht nur in dem Maße auf fruchtbaren Boden fallen, wie Frauen und Männern dies ohne gesetzliche und gesellschaftliche Nachteile ermöglicht wird. Inwieweit eine solche Ermutigung greifen wird, hängt auch ganz wesentlich davon ab, ob Menschen etwas (erfahren) haben, das sich weiterzugeben lohnt.
Wenn es nichts Wesentliches zu tradieren gibt, dann ist nicht einzusehen, warum Eltern ihre Kinder selbst erziehen sollen. Dann kann die Aufgabe ebensogut an Dritte delegiert werden: an Tagesmütter, au-pair, Kinderkrippen und so fort. Die Reduzierung der Familie zur bloßen Versorgungsgemeinschaft - auch in den Köpfen der Familien selbst - bezeichnet ihren unterschwelligen Verfallswert. Denn alles andere als die komplexe Tradierung von Lebenswissen und Lebensformen läßt sich ja auch anderweitig organisieren - und professioneller noch dazu. Auch die Erkenntnis, daß die Zunahme professionalisierter Ersatzleistungen für die Familie volkswirtschaftlich ruinös ist, wird aus sich heraus noch kein neues Tradierungsbewußtsein erzeugen.
These 7: Der Ansatz bei der Würde der Familie als Tradierungsgemeinschaft läßt das Augenmerk darauf richten, wo diese Würde jeweils in Frage gestellt, bzw. wo ihr positiv entsprochen wird. Konkret müßte dies anstelle eines unspezifischen „Ja zur Familie“ heißen: Alles, was die selbständige Wahrnehmung dieser Aufgabe fördert und den (vom Grundgesetz geschützten) Konnex von elterlichem Erziehungsrecht und elterlicher Erziehungspflicht subsidiär bestärkt, verdient kirchliche Unterstützung; und dementsprechend gilt umgekehrt: Alles, was dies untergräbt - an ökonomischen, politischen, weltanschaulichen und individuellen Bedingungen -, müßte kirchliche Kritik oder Selbstkritik auf sich ziehen.
Hier müßten wir als Kirche in unserem eigenen familienbezogenen Verhalten und in unserer Einflußnahme auf öffentliche Meinung und staatliches Vorgehen wohl deutlicher unterscheiden: zwischen der notwendigen subsidiären Unterstützung der Familien (von Kindergärten bis zum Familiengottesdienst) und solchen Maßnahmen, die eher dazu angetan sind, genuine Aufgaben aus der Familie auszugliedern und das Abschieben elterlicher Verantwortung oder der Verantwortung gegenüber den Eltern zu erleichtern. In einer solchen Lesart erscheint der Forderungskatalog im Wort der Synode weniger homogen als er gemeint sein dürfte.
Läßt sich etwa die Forderung nach mehr Ganztagsschulen oder Kinderhorten so einfach mit der Betonung der Erziehungsaufgabe der Eltern als Kennzeichen der Würde der Familie harmonisieren? Wenn wir von der eigenen Würde der Familie ausgehen, heißt das, die kritische Aufmerksamkeit auf diejenigen Bezugsbereiche in Staat, Gesellschaft, Kirche zu richten, in denen die Würde der Familie zum Wert herunterdekliniert zu werden droht: wenn ein Staatsapparat etwa primär an der Leistung der Familie als Disziplinierungsanstalt braver Untertanen interessiert ist und dabei deren selbständige Tradierungspotentiale behindert, wie dies in totalitären Regimen immer wieder vorkommt; wenn eine Gesellschaft die Familie als Ferment und stabilisierenden Faktor benutzt und ihr gleichzeitig im Gewand des „gesellschaftlichen Wandels" (Individualisierung, Ökonomisierung) die Lebensgrundlage entzieht. Davon war ja ausführlich die Rede.
Es läßt sich aber auch fragen, ob nicht auch die Kirche in der Gefahr steht, die Familie einer eigenen, kirchlichen Bevormundung zu unterziehen, anstatt sie als Tradierungsgemeinschaft zu unterstützen. Dann wäre folgende Erinnerung hilfreich: Zwar hat sich die Kirche schon zu apostolischer Zeit selbst als eine „familia“ höherer Art begriffen und den Loyalitätsanspruch der Herkunftsfamilien der Gläubigen gegenüber der wichtigeren Loyalität zum Reich Gottes relativiert. So wie ja auch ihr Herr in einer für seine eigene Familie sicher herben Wendung davon gesprochen hatte, daß seine „wahren Verwandten" diejenigen sind, die ihm nachfolgen: „Wer Gottes Willen tut, der ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter" (Mk 3, 31-35).
Gleichwohl hat die Kirche von Anfang an der Versuchung widerstanden, sich selbst an die Stelle der Familie zu setzen, wie dies für sektiererische Gruppen typisch ist, die einen totalen Loyalitätsanspruch für sich reklamieren, nach dem Motto: „Wir sind jetzt deine Familie.“ Statt dessen haben die christlichen Gemeinden von Anfang an die natürliche Familie geachtet, geschützt und einer eigenen apostolischen Unterweisung für wert befunden, wie sich etwa an den Haustafeln der neutestamentlichen Briefe ablesen läßt, in denen die Familienglieder einzeln angesprochen werden.
So sicher einerseits die Familie auf die Kirche angewiesen ist, ist es die Kirche auch auf die Familie. Müßte es ihr deshalb nicht stärker darum gehen, den Eltern zu helfen, selbst Herolde des Evangeliums an ihren Kindern zu werden, anstatt ein duales System zu etablieren, in dem Eltern und Kindern jeweils getrennt religiös versorgt werden?
Abschließend möchte ich die Würde der Familie theologisch mit einer Unterscheidung Luthers noch einmal zuspitzen, die dieser im Blick auf die elementaren Lebensformen vorgenommen hat.
5. Die Würde der Familie als Heiligungsmittel
These 8: Die Familie macht nicht „selig“, sondern „heilig“ (Luther). Sie ist kein „Heilmittel“ wie Wort und Sakrament, wodurch Gott die Menschen rettet, sondern „Heiligungsmittel“, wodurch Gott die Menschen zu einem gottgemäßen Leben führen will. In einer Zeit, in der die „family values“ von allen Seiten neu entdeckt und gepriesen werden, ist die theologische Erinnerung angebracht, daß es dem familiären Leben nicht bekommt, wenn es zum „höchsten Wert“ einer Gesellschaft oder zur „Sinnmitte“ individuellen Lebens stilisiert wird. Medium der Heiligung vermag die Familie indessen gerade dadurch zu werden, daß sie in besonders elementarer Weise an die Grenzen menschlicher Möglichkeiten gemahnt und dadurch auf die Gnade Gottes hinführt.
An Luthers Unterscheidung von „heilig“ und „selig“xvi ist beides ernst zu nehmen: Gerade in einer Zeit, wo die Familie für viele als ein letztes Refugium vor der völligen Bestimmung des Lebens durch Leistungswerte gilt, und darum die Erwartungen an diese warme, familiäre Gegenwelt immer mehr anschwellen, ist theologisch nachdrücklich zu sagen: die Familie rettet nicht; sie ist auch nicht selbst „sinnstiftend“, wie es im Entwurf des Synodenwortes heißt.
Je mehr die Familie mit solchen soteriologischen Erwartungen aufgeladen wird, desto leichter wird sie entweder unter dieser Last zerbrechen oder als Hort eines kollektiven Egoismus kultiviert werden: „Trautes Heim, Glück allein; my home is my castle.“ Auch eine „evangelische Familienideologie“, wie sie sich seit dem 18. Jh. entwickelt hat und sich heute noch etwa in der Erwartung einer heilen Welt des Pfarrhauses widerspiegelt, ist theologisch betrachtet ein Götzendienst.
Während eine solche Ideologisierung der Familie gewöhnlich die Gegenreaktion einer neuen Abwertung und Diskriminierung provoziert, schlägt die von Luther benannte Alternative nicht ein solches Pendel an. Seine Hochschätzung der Familie als „heiligender Stand“ verdankt sich nicht einer idyllischen, sondern gerade der nüchternsten Einschätzung der familiären Realität.
Vor Augen steht dem Reformator dabei, daß das Familienleben von einer Eigenart ist, die den Glauben geradezu „hineinzwingt“xvii: Denn hier sehen wir uns in der frei gewährten Liebe der Eltern zu den Kindern und der Kinder zu den Eltern einerseits einer vorbereitenden Gnadenerfahrung ausgesetzt; andererseits ist die bekannte chaotische Struktur des familiären Lebens mit seinen vielen Grenzerfahrungen dazu angetan, das wohl wesentliche Hindernis für den Glauben abzubauen: den Glauben an die Möglichkeit nämlich, das Leben selbst in der Hand zu haltenxviii. Gibt es wirklich Eltern, die von sich sagen könnten, daß sie „gute Eltern“ sind? Wir zuhause jedenfalls scheitern schon an der einfachen Mahnung des Apostels: „Reizt eure Kinder nicht zum Zorn.“
Oder kann es in diesem Sinn „gute Kinder“ geben? Im Familienleben gibt es offensichtlich keine „Könner“. In keiner anderen Lebensform ist die Angewiesenheit auf Vergebung, Hilfe und Gnade so deutlich in die Alltagserfahrung eingesenkt. Einen meßbaren „Wert“ hat das nicht. Was aber könnte die Würde des familiären Lebens tiefer kennzeichnen als dieses Aufgeschlossensein für Gottes Gnade?
Bulletin Nr. 5 (Frühjahr 2003), hrsg. vom Deutschen Institut für Jugend und Gesellschaft
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